Dienstag 13. Juli 1999 (Die Südostschweiz)
Götter, Gemeine oder Gaukler?
Das Phänomen der jährlich wiederkehrenden Kornkreise in England harrt weiter einer Erklärung Ihre Formen werden immer phantastischer, ihre Entstehung immer mysteriöser. In den ersten sechs Monaten sind allein in Südengland über 60 neue Kornkreisformationen aufgetaucht. An der Entstehung der geometrischen Figuren im Korn scheiden sich noch immer die Geister. VON HANS PETER ROTH
Schemenhaft zunächst,
dann immer deutlicher, schält sie sich aus dem Zwielicht der Morgendämmerung:
eine riesige geometrische Figur im taunassen Weizenfeld am gegenüberliegenden
Hügel. Tim Carson traut seinen Augen kaum, als er kurz nach fünf die komplexe
Formation entdeckt. Wieder ist es über Nacht geschehen, und wieder auf dem East
Field, einem seiner Felder. Vor dem Farmer aus dem südenglischen Weiler Alton
Barnes erstreckt sich in perfekter Geometrie ein vollendetes, ästhetisches Muster
mit einem Durchmesser von über 120 Metern. Zwölf ineinander verschlungene Kreise
bilden einen grösseren Kreis, welcher auf raffinierte Weise dreidimensional
wirkt. «Wie ein Donut», meint Carson, «oder wie die Öffnung einer Trompete»,
als er später nachdenklich die Luftaufnahmen der neuesten Kornkreisformation
betrachtet.
Beobachter einmal mehr genarrt
Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht über das neue Zeichen im East
Field auf dem Campingplatz des Barge Inn, der nur rund eine Meile vom Ort des
Geschehens entfernt liegt. Weil in der Region um Alton Barnes Jahr für Jahr
am meisten Kornkreise entstehen, versammelt sich hier jeden Sommer eine bunte
Gemeinde von Neugierigen, Forschern, Esoterikern und anderen Freaks, welche
dem rätselhaften Phänomen der «crop circles» (englisch Kornkreise) auf die Spur
kommen möchten. Bislang ohne Erfolg. Auch in der vergangenen Nacht waren viele
Unentwegte fast bis zur Morgendämmerung in der ganzen Umgebung verteilt, ohne
dass jemand etwas Besonderes wahrgenommen hätte. Und nun dies. Sozusagen zu
Füssen der «Croppies», wie die Neugierigen oft spöttisch genannt werden, breitet
sich eine Figur im Kornfeld aus, die in ihrer Perfektion als Schmuckvorlage
dienen könnte. Sie muss zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens entstanden
sein. Verblüffung mischt sich mit Begeisterung; leiser Ärger, das Phänomen der
Entstehung wieder einmal verpasst zu haben, mit Bewunderung und Verwunderung
über die vollendete Schönheit der Figur. Um sechs Uhr früh ist es in Alton Barnes
vorbei mit der ländlichen Ruhe der Grafschaft Wiltshire. Kleinflugzeuge sind
aufgestiegen und kreisen über dem Kreis im Korn. Erste Luftbilder werden in
aller Eile entwickelt. Der Campingplatz gleicht einem Bienenhaus. Kaum jemand
hat heute den Sonnenaufgang verschlafen.
«Nicht menschgemacht»
«Für mich ist klar, dass viele Kornkreisformationen nicht von Menschenhand gemacht
sind. Auch jene, die heute Morgen neu auf unserem Feld hinter dem Haus aufgetaucht
ist, gehört dazu», sagt die Bäuerin und Tims Frau, Polly Carson. «Die ist ganz
klar über Nacht entstanden. Gestern war da noch nichts.» Seit 1990 sind auf
Carsons Feldern Jahr für Jahr eine oder mehrere Formationen aufgetaucht. Skeptiker
behaupten deshalb immer wieder, gewisse Farmer würden selbst derartige Figuren
in ihre Felder legen, um dann Schaulustigen und Piloten Geld für die Besichtigung
der «crop circles» abzuknöpfen. «Absoluter Blödsinn», meint Polly Carson: «Mein
Mann würde doch nicht seine eigenen Felder niederwalzen.» Zudem liessen sich
«menschgemachte Zeichen» klar unterscheiden von «echten» Kornkreisen. «Fälschungen
gab's auf unserem Land auch schon. Das ist immer ein grosses Ärgernis», erzählt
die Farmerin. «Und überhaupt wären wir gar nicht begabt genug, etwas derartig
Perfektes wie eine echte Kornkreisformation anzulegen.» Wie «echte» Piktogramme
in Getreidefeldern zustande kämen, darüber lasse sich nur spekulieren. Doch
das Resultat sei immer von berückender Schönheit und schlicht wunderbar. «Und
es bringt die Menschen dazu, über Dinge zu sprechen, die normalerweise kein
Thema sind», erzählt sie.
Jedem seine Erklärung
Obwohl die Kornkreise den Carsons Jahr für Jahr Ernteausfälle bescheren,
allerdings mehr durch Gaffer, die unkontrolliert in die Felder trampeln, als
durch die Figuren selbst, ist Polly Carson immer von neuem begeistert und überwältigt
durch die Anmut und Vielfalt der Formen, die das unerklärliche Phänomen vor
ihre Haustür zaubert. John Tobin, ein Rentner aus dem benachbarten Stanton St.
Bernard hat im Gegensatz zu den Carsons durchaus eine Erklärung für die Zeichen
im Korn: «Im Sommer passiert hier draussen nicht viel. Also gehen junge Leute
oder auch Bauern raus auf die Felder und treiben dort allerhand Unfug, um die
Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen und etwas Geld zu verdienen.»
Die Armee habe bewiesen, dass Kreisfiguren in Kornfeldern mit einer Gartenwalze
innerhalb von wenigen Minuten gezeichnet werden könnten. Auf die Frage, welches
Interesse die britische Armee daran haben könnte, so etwas zu beweisen, weiss
allerdings auch Tobin keine Antwort. Ebensowenig darauf, wie in den Formationen
die Weizenhalme häufig auf eigenartige Weise waagrecht abgelegt sind, ohne zu
brechen. Manchmal sind die Wachstums-knoten der Halme etwa zehn Zentimeter über
dem Boden wie ein Knie in die Waagrechte gebogen - biologisch unerklärlich.
Das Getreide wächst weiter und wird erntereif. Dass die Kornkreise ein rätselhaftes
Phänomen sind, ist bei der grossen Mehrheit der lokalen Bevölkerung unbestritten:
«Es gibt einfach keine Erklärung, wie derart komplexe Strukturen über Nacht
gelegt werden könnten», findet Janet Parr. «Und die Bauern haben schlicht keine
Zeit, ein solches Ding zu drehen», meint die Dorfbewohnerin aus Alton Barnes:
«Wer nicht daran glaubt, dass es sich hier um etwas Übernatürliches handelt,
ist engstirnig.»
Schweizer Kornkreisforscher
Werner Anderhub reist seit 1994 jede Saison in die Grafschaft Wiltshire,
wo übrigens auch so bekannte Monumente wie Stonehenge oder Silbury Hill, Europas
grösste Pyramide, stehen. «Viele der oft abstrusen Thesen von Skeptikern sind
kaum ernst zu nehmen», sagt der Sekundarlehrer und Kornkreisforscher aus Bern.
«Mich ziehen die Piktogramme an, weil sie schlicht wunderschön sind und weil
sie aussersinnliche Wahrnehmungen ermöglichen.» Der Berner verspürt in den Kornkreisformationen
bisweilen ein Hautkribbeln oder leichte Schwindelgefühle. Auch eigenartige Verhaltensweisen
von Tieren will Anderhub in der Nähe von Formationen schon wiederholt beobachtet
haben. Das Wetter und die Kornernte, die Ende Juli beginnt, bereiten den Kornkreisen
schliesslich ein Ende. Was bleibt, ist ein endloses Hin und Her, intellektuelle
Diskussionen und hitzige Debatten, ob die «crop circles» nun durch Ausserirdische,
durch kollektive menschliche Gedankenmuster, sich paarende Igel oder Scherzbolde
im Rentenalter zustande kommen.
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