Aus der Neuen Luzerner Zeitung vom 20. 5. 00

Das Geheimnis bleibt im Kornfeld verborgen

SMALL TALK

Stefan Inderbitzin über Kreise, die den Sommer ankündigen
Die Zahl auf einer deutschen Internet-Homepage blinkt rot vor sich hin: 12! Genau so viele Kornkreise wurden in diesem Jahr bereits entdeckt. Sechs wurden aus England gemeldet, drei aus Deutschland und je einer aus Spanien, den Niederlanden und den USA. Der jüngste Fund in deutschen Landen stammt aus Zierenberg. Die über 30 Meter lange Formation ist in einem Gerstenfeld entstanden und ­ wie Forscher Dirk Möller schreibt ­ von der Strasse aus kaum zu sehen: «Auch ich bin erst einmal eine Dreiviertelstunde herumgefahren und habe sie gesucht.» Damit es weiteren Interessenten nicht gleich ergeht, hat Möller gleich eine Karte dazu im Internet veröffentlicht. Aber aufgepasst: «Bitte unbedingt vor dem Betreten der Formation den Besitzer um Erlaubnis fragen!», rät er.

Und diese Warnung ist berechtigt: Denn oft sind die Schäden, welche Gaffer in den Getreidefeldern der Bauern anrichten, grösser als die, welche durch die geometrischen Formationen entstehen. Vorab in England haben deshalb die Kornkreisforscher mitunter einen schweren Stand: Da schaut schon mal ein Bauer mit der Schrotflinte in der Hand nach dem Rechten. Andere Farmer reagieren erfinderisch auf Kornkreise in ihren Feldern und verlangen Geld von den Besucherinnen und Besuchern, welche die Formationen besichtigen wollen. Und nochmals andere beseitigen die Kornkreise noch am Tag der Entdeckung eigenhändig mit dem Mähdrescher, um so wenigstens den Rest des Feldes vor Gaffern zu retten.
Sehr zum Bedauern der Croppies (Crop heisst englisch Ernte). So werden jene Menschen genannt, die sich voll und ganz dem Phänomen der Kornkreise verschrieben haben: Neugierige, Forscher, Esoteriker, aber auch Skeptiker zieht es wie Magneten alljährlich nach England, wo sie nächtelang neben Kornfeldern auf der Lauer liegen, um endlich dem Geheimnis der wundersamen Kreise auf die Spur zu kommen. Doch bis heute fehlt eine hieb- und stichfeste Theorie, wie die Formationen entstehen. Angesichts der Komplexheit und der geometrischen Vielfalt vieler Kreise spricht man heute immer mehr von Kornkreis-Formationen. Einzelne haben gar derart riesige Ausmasse, dass sie nur aus der Luft ihre wahre Form offenbaren. Viele entfalten dabei eine schon fast dreidimensionale Wirkung.
Spätestens seit die beiden Rentner Dave und Doug zugegeben haben, dass sie über Jahrzehnte hinweg in England eigenhändig Kornkreise geschaffen haben, ist sicher, dass unter den vielen Kreisen auch Fälschungen sind. Nur Dave ist inzwischen gestorben, und über Tote soll man ja bekanntlich nichts Schlechtes sagen. Zumal die wackeren Fälscher inzwischen würdige Nachfolger gefunden haben. Denn Circlemaker ­ wie diese Fälscher in England genannt werden ­ machen sich alljährlich einen Spass daraus, die Forscher mit eigenen Formationen zu narren. Ihre Arbeit wurde durch den «Gardenroller» revolutioniert, einem Walzenwerkzeug zur Herstellung des legendären englischen Rasens. Zuvor mussten die Forscher die Kreisformationen mit anderen Hilfsmitteln wie Brettern herstellen, was sehr viel mehr Zeit und Mühe kostete.

Allerdings lassen sich die meisten Fälschungen relativ leicht entlarven. Behaupten zumindest eingefuchste Kornkreisforscher und haben dazu eigens eine Checkliste im Internet veröffentlicht. Bei echten Kornkreisen sind die Halme gebogen, gekrümmt oder flachgedrückt und wachsen weiter, heisst es da etwa. Während Fälscher in ihrer menschlichen Unvollkommenheit die Halme brechen.
Ganz generell sind aber angesichts von Formationen, die bis zu 100 Meter Durchmesser und mehr erreichen, Zweifel angebracht, ob sich solche Taten überhaupt in einer Nacht vollbringen lassen. Zumal sich im Umfeld der Formationen immer wieder merkwürdige Dinge ereignen: Fotoapparate spielen verrückt, Batterien von elektrischen Aufzeichnungsgeräten entladen sich innert Sekunden oder Tonbandaufnahmen enthalten merkwürdige Geräusche.
So bleibt das Rätsel um die Kornkreise ungeachtet aller Fälschungen für viele weiterhin ungelöst. Dem Forschungstrieb der Croppies sind kaum Grenzen gesetzt: Da analysiert einer die Bilder der Kreise mit digitaler Hilfe, um darauf kugelförmige, leuchtende Objekte zu finden. Solche Leuchtkugeln sind nämlich auch auf einem Amateurvideo zu sehen, das die Entstehung eines Kornkreises festhalten soll. Dieses ist aber von miserabler Qualität, viel mehr als ein paar Lichtschimmer sind darauf kaum auszumachen.

Andere wiederum messen die elektromagnetischen Felder oder die radioaktive Gamma-Strahlung rund um die entsprechenden Kornfelder. Eine weitere Gruppe von fünfzig Personen versuchte über Gedankenübertragung einen Kornkreis zu gestalten. Im dafür ausgewählten Feld sei zwar nichts passiert, doch unweit davon sei ein Piktogramm entstanden, dass erstaunliche Ähnlichkeit mit der vorgegebenen Figur hatte, ist nachzulesen.
Einen ganz pragmatischen Ansatz hat die deutsche Forschungsgesellschaft Kornkreise e. V. gewählt. Sie schrieb kurzerhand einen Wettbewerb aus und forderte die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu auf, mittels digitaler Technik in Bilder von unberührten Kornfeldern (gefälschte) Kreise einzufügen. Wenigstens, so lässt sich anfügen, werden bei diesem Projekt keine Felder zerstört. Englische Farmer dürfen sich also wieder beruhigt schlafen legen. Auch derjenige, der einst Croppies von seinem Land verjagt haben soll, die sich eine Kornkreis-Formation in seinem Feld näher ansehen wollten: «Sagt es der ganzen Welt», schrie er die Forscher an, «was da in den Feldern abgeht, ist reiner Vandalismus.»
Einige Internet-Seiten zum Rätsel der Kornkreise: <www.paradox.ch>, <www.franklaumen.de>, <www.fgk.org>, <www.cropcircleconnector.com>, <www.schwochow.de>, <www.ufo.at>.