Das Geheimnis bleibt im Kornfeld verborgen
SMALL TALK
Stefan Inderbitzin über Kreise,
die den Sommer ankündigen
Die Zahl auf einer deutschen Internet-Homepage blinkt rot vor sich hin: 12!
Genau so viele Kornkreise wurden in diesem Jahr bereits entdeckt. Sechs wurden
aus England gemeldet, drei aus Deutschland und je einer aus Spanien, den Niederlanden
und den USA. Der jüngste Fund in deutschen Landen stammt aus Zierenberg.
Die über 30 Meter lange Formation ist in einem Gerstenfeld entstanden und
wie Forscher Dirk Möller schreibt von der Strasse aus kaum
zu sehen: «Auch ich bin erst einmal eine Dreiviertelstunde herumgefahren
und habe sie gesucht.» Damit es weiteren Interessenten nicht gleich ergeht,
hat Möller gleich eine Karte dazu im Internet veröffentlicht. Aber
aufgepasst: «Bitte unbedingt vor dem Betreten der Formation den Besitzer
um Erlaubnis fragen!», rät er.
Und diese Warnung ist berechtigt:
Denn oft sind die Schäden, welche Gaffer in den Getreidefeldern der Bauern
anrichten, grösser als die, welche durch die geometrischen Formationen
entstehen. Vorab in England haben deshalb die Kornkreisforscher mitunter einen
schweren Stand: Da schaut schon mal ein Bauer mit der Schrotflinte in der Hand
nach dem Rechten. Andere Farmer reagieren erfinderisch auf Kornkreise in ihren
Feldern und verlangen Geld von den Besucherinnen und Besuchern, welche die Formationen
besichtigen wollen. Und nochmals andere beseitigen die Kornkreise noch am Tag
der Entdeckung eigenhändig mit dem Mähdrescher, um so wenigstens den
Rest des Feldes vor Gaffern zu retten.
Sehr zum Bedauern der Croppies (Crop heisst englisch Ernte). So werden jene
Menschen genannt, die sich voll und ganz dem Phänomen der Kornkreise verschrieben
haben: Neugierige, Forscher, Esoteriker, aber auch Skeptiker zieht es wie Magneten
alljährlich nach England, wo sie nächtelang neben Kornfeldern auf
der Lauer liegen, um endlich dem Geheimnis der wundersamen Kreise auf die Spur
zu kommen. Doch bis heute fehlt eine hieb- und stichfeste Theorie, wie die Formationen
entstehen. Angesichts der Komplexheit und der geometrischen Vielfalt vieler
Kreise spricht man heute immer mehr von Kornkreis-Formationen. Einzelne haben
gar derart riesige Ausmasse, dass sie nur aus der Luft ihre wahre Form offenbaren.
Viele entfalten dabei eine schon fast dreidimensionale Wirkung.
Spätestens seit die beiden Rentner Dave und Doug zugegeben haben, dass
sie über Jahrzehnte hinweg in England eigenhändig Kornkreise geschaffen
haben, ist sicher, dass unter den vielen Kreisen auch Fälschungen sind.
Nur Dave ist inzwischen gestorben, und über Tote soll man ja bekanntlich
nichts Schlechtes sagen. Zumal die wackeren Fälscher inzwischen würdige
Nachfolger gefunden haben. Denn Circlemaker wie diese Fälscher in
England genannt werden machen sich alljährlich einen Spass daraus,
die Forscher mit eigenen Formationen zu narren. Ihre Arbeit wurde durch den
«Gardenroller» revolutioniert, einem Walzenwerkzeug zur Herstellung
des legendären englischen Rasens. Zuvor mussten die Forscher die Kreisformationen
mit anderen Hilfsmitteln wie Brettern herstellen, was sehr viel mehr Zeit und
Mühe kostete.
Allerdings lassen sich die meisten
Fälschungen relativ leicht entlarven. Behaupten zumindest eingefuchste
Kornkreisforscher und haben dazu eigens eine Checkliste im Internet veröffentlicht.
Bei echten Kornkreisen sind die Halme gebogen, gekrümmt oder flachgedrückt
und wachsen weiter, heisst es da etwa. Während Fälscher in ihrer menschlichen
Unvollkommenheit die Halme brechen.
Ganz generell sind aber angesichts von Formationen, die bis zu 100 Meter Durchmesser
und mehr erreichen, Zweifel angebracht, ob sich solche Taten überhaupt
in einer Nacht vollbringen lassen. Zumal sich im Umfeld der Formationen immer
wieder merkwürdige Dinge ereignen: Fotoapparate spielen verrückt,
Batterien von elektrischen Aufzeichnungsgeräten entladen sich innert Sekunden
oder Tonbandaufnahmen enthalten merkwürdige Geräusche.
So bleibt das Rätsel um die Kornkreise ungeachtet aller Fälschungen
für viele weiterhin ungelöst. Dem Forschungstrieb der Croppies sind
kaum Grenzen gesetzt: Da analysiert einer die Bilder der Kreise mit digitaler
Hilfe, um darauf kugelförmige, leuchtende Objekte zu finden. Solche Leuchtkugeln
sind nämlich auch auf einem Amateurvideo zu sehen, das die Entstehung eines
Kornkreises festhalten soll. Dieses ist aber von miserabler Qualität, viel
mehr als ein paar Lichtschimmer sind darauf kaum auszumachen.
Andere wiederum messen die elektromagnetischen
Felder oder die radioaktive Gamma-Strahlung rund um die entsprechenden Kornfelder.
Eine weitere Gruppe von fünfzig Personen versuchte über Gedankenübertragung
einen Kornkreis zu gestalten. Im dafür ausgewählten Feld sei zwar
nichts passiert, doch unweit davon sei ein Piktogramm entstanden, dass erstaunliche
Ähnlichkeit mit der vorgegebenen Figur hatte, ist nachzulesen.
Einen ganz pragmatischen Ansatz hat die deutsche Forschungsgesellschaft Kornkreise
e. V. gewählt. Sie schrieb kurzerhand einen Wettbewerb aus und forderte
die Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu auf, mittels digitaler Technik in Bilder
von unberührten Kornfeldern (gefälschte) Kreise einzufügen. Wenigstens,
so lässt sich anfügen, werden bei diesem Projekt keine Felder zerstört.
Englische Farmer dürfen sich also wieder beruhigt schlafen legen. Auch
derjenige, der einst Croppies von seinem Land verjagt haben soll, die sich eine
Kornkreis-Formation in seinem Feld näher ansehen wollten: «Sagt es
der ganzen Welt», schrie er die Forscher an, «was da in den Feldern
abgeht, ist reiner Vandalismus.»
Einige Internet-Seiten zum Rätsel der Kornkreise: <www.paradox.ch>,
<www.franklaumen.de>, <www.fgk.org>, <www.cropcircleconnector.com>,
<www.schwochow.de>, <www.ufo.at>.