Der kleine Bund
Die Kornkreise bleiben ein Mysterium
Ihre Formen werden immer phantastischer, ihre Entstehung immer rätselhafter. Am Phänomen der Kornkreise, welche wie von Geisterhand geschaffen auftauchen, scheiden sich die Geister. Autor: Hans Peter Roth
Schemenhaft zunächst,
dann immer deutlicher, schält sie sich aus dem Zwielicht der Morgendämmerung:
Eine riesige geometrische Figur im taunassen Weizenfeld am gegenüberliegenden
Hügel. Tim Carson traut seinen Augen kaum, als er kurz nach fünf die komplexe
Formation entdeckt. Wieder ist es über Nacht geschehen, und wieder auf dem «East
Field», einem seiner Felder. Vor dem Farmer aus dem südenglischen Weiler Alton
Barnes erstreckt sich in perfekter Geometrie ein vollendetes, ästhetisches Muster
mit einem Durchmesser von über 120 Metern. Zwölf ineinander verschlungene Kreise
bilden radartig einen grösseren Kreis, welcher auf raffinierte Weise dreidimensional
wirkt. «Wie ein Donut», meint Carson, «oder wie die Öffnung einer Trompete»,
als er später nachdenklich die Luftaufnahmen der neuesten Kornkreis-Formation
betrachtet.
Über Nacht
Wie ein Lauffeuer verbreitet sich die Nachricht über das neue Zeichen im East
Field auf dem Campingplatz des «Barge Inn», der nur rund eine Meile vom Ort
des Geschehens entfernt liegt. Weil in der Region um Alton Barnes Jahr für Jahr
am meisten Kornkreise entstehen, versammelt sich hier jeden Sommer eine bunte
Gemeinde von Neugierigen, Forschern, Esoterikern und anderen «Freaks», welche
dem rätselhaften Phänomen der «crop circles» (engl. Kornkreise) auf die Spur
kommen möchten. Bislang ohne Erfolg. Auch in der vergangenen Nacht waren viele
Unentwegte fast bis zur Morgendämmerung in der ganzen Umgebung verteilt, ohne
dass jemand etwas besonderes wahrgenommen hätte. Und nun dies. Sozusagen zu
Füssen der «Croppies», wie die Neugierigen oft spöttisch genannt werden, breitet
sich eine Figur im Kornfeld aus, die in ihrer Perfektion eine Schmuckvorlage
sein könnte. Sie muss in den wenigen Stunden zwischen Mitternacht und fünf Uhr
morgens entstanden sein. Verblüffung mischt sich mit Begeisterung. Leiser Ärger,
das Phänomen der Entstehung wieder einmal verpasst zu haben, mit Bewunderung
und Verwunderung über die vollendete Schönheit der Figur. Um sechs Uhr früh
ist es in Alton Barnes vorbei mit der ländlichen Ruhe der Grafschaft Wiltshire.
Kleinflugzeuge sind aufgestiegen und kreisen über dem Kreis im Korn. Erste Luftbilder
werden in aller Eile entwickelt. Der Campingplatz gleicht einem Bienenhaus.
Kaum jemand hat heute den Sonnenaufgang verschlafen.
«Nicht menschgemacht»
«Für mich ist klar, dass viele Kornkreisformationen nicht von Menschenhand gemacht
sind. Auch jener, der heute morgen neu auf unserem Feld hinter dem Haus aufgetaucht
ist, gehört dazu», sagt die Bäuerin und Tims Frau, Polly Carson. «Der ist ganz
klar über Nacht entstanden. Gestern war da im Feld noch nichts.» Seit 1990 sind
auf Carsons Feldern Jahr für Jahr eine oder mehrere Formationen aufgetaucht.
Skeptiker behaupten deshalb immer wieder, gewisse Farmer würden selbst derartige
Figuren in ihre Felder legen, um dann Schaulustigen und Piloten Geld für die
Besichtigung der «crop circles» abzuknöpfen. Für Polly Carson ist dies «absoluter
Blödsinn». «Mein Mann würde doch nicht seine eigenen Felder niederwalzen.» Zudem
liessen sich «Fälschungen» von Menschenhand klar unterscheiden von «echten»
Kornkreisen. «Fälschungen gab es auf unserem Land auch schon. Das ist immer
ein grosses Ärgernis» meint die Farmerin: «Und überhaupt wären wir gar nicht
begabt genug, etwas derartig Perfektes wie eine echte Kornkreis-Formation zu
machen.» Wie nun «echte» Piktogramme in Getreidefeldern zustande kämen, darüber
lasse sich allerdings nur spekulieren. Doch das Resultat sei immer von berückender
Schönheit und schlicht wunderbar. «Und es bringt die Menschen in einen Austausch.
Es bewegt sie, über Dinge zu sprechen, welche normalerweise kein Thema sind.»
Obwohl die Kornkreise den Carsons Jahr für Jahr Ernteausfälle bescheren, paradoxerweise
mehr durch Gaffer, welche unkontrolliert die Felder niedertrampeln, als durch
die Figuren selbst, ist Polly Carson immer von neuem begeistert und überwältigt
durch die Anmut und Vielfalt der Formen, die das unerklärliche Phänomen vor
ihre Haustür zaubert.
Erklärung bleibt aus
John Tobin, ein Rentner aus dem benachbarten Stanton St. Bernard, hat, im
Gegensatz zu den Carsons, durchaus eine Erklärung für die Zeichen im Korn: «Im
Sommer passiert hier draussen nicht viel. Also gehen junge Leute oder auch Bauern
raus auf die Felder und treiben da allerhand Unfug, um die Aufmerksamkeit der
Öffentlichkeit auf sich zu ziehen und etwas Geld zu verdienen.» Die Armee habe
bewiesen, dass Kreisfiguren in Kornfeldern mit einer Gartenwalze innerhalb von
wenigen Minuten bewerkstelligt werden könnten. Auf die Frage, welches Interesse
die britische Armee daran haben könnte, so etwas zu beweisen, weiss allerdings
auch Tobin keine Antwort. Ebensowenig darauf, wie in den Formationen die Weizenhalme
häufig auf eigenartige Weise waagrecht abgelegt sind, ohne zu brechen. Nicht
selten sind die Wachstumsknoten der Halme zirka zehn Zentimeter über dem Boden
wie ein Knie in die Horizontale gebogen, biologisch unerklärlich. Die Halme
wachsen weiter und tragen Früchte. Dass die Kornkreise ein rätselhaftes Phänomen
sind, ist bei der grossen Mehrheit der lokalen Bevölkerung unbestritten: «Es
gibt einfach keine Erklärung, wie derart komplexe Strukturen über Nacht gelegt
werden könnten», findet Janet Parr. «Und die Bauern haben schlicht keine Zeit,
ein solches Ding zu drehen», meint die Dorfbewohnerin aus Alton Barnes: «Wer
nicht daran glaubt, dass es sich hier um etwas Übernatürliches handelt, ist
engstirnig.»
Berner Forscher
Der Berner Werner Anderhub reist seit 1994 jede Saison in die Grafschaft Wiltshire,
in welcher übrigens auch so bekannte Monumente wie Stonehenge oder Silbury Hill,
Europas grösste Pyramide, stehen. «Viele der oft abstrusen Thesen von Skeptikern
sind kaum ernst zu nehmen», sagt der Sekundarlehrer und Kornkreisforscher. «Mich
ziehen die Kornkreise einerseits an, weil sie schlicht wunderschön sind und
andererseits, weil sie aussersinnliche Wahrnehmungen ermöglichen.» Anderhub
empfindet in Kornkreisformationen bisweilen ein Hautkribbeln oder leichte Schwindelgefühle.
«Dann begibt man sich besser wieder aus dem Piktogramm hinaus.» Auch Lichterscheinungen
und eigenartige Verhaltensweisen von Tieren will er in der Nähe von Formationen
schon wiederholt beobachtet haben. Das Wetter, das weitere Wachstum der Pflanzen
und ab Ende Juli die Erntezeit bereiten den Kornkreisen schliesslich ein Ende.
Was bleibt, ist ein endloses Hin und Her, viel heisse Luft, intellektuelle Diskussionen
und hitzige Debatten, ob die «crop circles» nun durch Ausser- oder Innerirdische,
durch kollektive menschliche Gedankenmuster, paarende Igel oder Scherzbolde
im Rentenalter zustande kommen. Was bleibt, sind aber auch Erinnerungen und
Bilder, die durch ihre Harmonie und Kraft weiterwirken. Wer sich in Stille darin
versenkt, mag vielleicht den Schleier des Rätsels dereinst lüften. Auch 1999
sind in Südengland allein bis Anfang Juni bereits wieder über 20 teils sehr
komplexe Kornkreis-Formationen neu erschienen. Hans Peter Roth ist Geograph
und freier Journalist in Bern. Er schreibt regelmässig über regionale Themen,
Aspekte aus dem Wissenschafts- und Umweltbereich sowie «paranormale Phänomene».
1995 verfasste er an der Uni Bern eine Arbeit zum Thema «Geomantie». Täglich
akutalisierte Kornkreisseiten im Netz: http://www.thenoiseroom.com/index.htm
http://cropcircleconnector.com/anasazi/connect.htm