Beobachter, 12/00
Kornkreise:
Rätselhafte Zeichen aufs Getreidefeld gezaubert
Die vergänglichen Kunstwerke sind gigantisch. Die Spekulationen reichen
vom kreativen Nachtbubenstreich bis zur kosmischen Botschaft. Nur eines ist
sicher: Kornkreise sind von atemberaubender Schönheit und Präzision.
Quer: Kornkreisforscher Werner Anderhub, Freitag, 9. Juni, 20.30 Uhr, SF 1
Buchtipp
Von Christa Schudel
Das ist übelster Vandalismus!», wetterte der englische Farmer Philipp
Sandell. Die Wut des Getreideproduzenten über den Ernteverlust war verständlich.
Doch was aus Bodensicht wie ein wüster Vandalenakt anmutete, offenbarte
sich vom Flugzeug aus als fantastisches Kunstwerk von vollendeter Schönheit,
Präzision und Harmonie: Das «Julia-Set» war eine über
300 Meter lange Spirale, gewunden aus 151 Einzelkreisen - eine fraktalgeometrische
Figur, wie sie seit dem Computerzeitalter in mathematischen Lehrbüchern
zu finden ist. Als Sandell eine Luftaufnahme des Feldzeichens sah, einem gigantischen
Stempel gleich ins Feld gedrückt, schüttelte er nur fassungslos den
Kopf: «Und das soll in meinem Getreide liegen?» Innerhalb dreier
Wochen pilgerten über 10000 Neugierige zum Zirkelphänomen auf Sandells
Feld.
Das Rätsel der Kornkreise ist zum populären Spuk geworden. Alle Sommer
wieder liegen die kunstvollen Zeichen in den Getreidefeldern, manchmal auch
in Raps-, Mais-, Gras- oder Reisanbauflächen, und sie füllen mit spektakulären
Luftaufnahmen die vom Sommerloch gepeinigte Presse.
Den Farmern sind die ominösen Feldpiktogramme ein Dorn im Auge, für
die englische Regierung sind sie ein ärgerliches saisonales Zwischenspiel,
das sie in Erklärungsnotstand versetzt. Noch immer halten die Behörden
offiziell an ihrer längst widerlegten These von «besonders intelligenten
Fallwinden» fest. Auch Rotorblätter tief fliegender Helikopter mussten
schon zur Erklärung herhalten - ebenso wie balzende Tiere, die bei Paarungsritualen
geometrische Figuren ins Getreide drücken würden. Am hartnäckigsten
aber hielt sich die Theorie der «Ufo-Landeplätze».
Zu Beginn der Kornkreisgeschichte mögen solche Thesen verständlich
gewesen sein, denn die ersten «aktenkundigen» Fälle aus den
frühen siebziger Jahren waren nichts weiter als einfache Kreise, wirbelartig
ins Feld gestanzt. Doch bald schon traten komplexere Formationen auf, die sich
in den neunziger Jahren zu einer wahren Flut an komplizierten, flächendeckenden
Piktogrammen aus Kreisen, Linien, Ringen und Spiralen steigerten.
Jedes Bild ein Unikat
Die Kunst im Feld wurde von Jahr zu Jahr verspielter und reicher in ihrem Formenschatz.
Auch in anderen Ländern, etwa in Holland, Irland, Schweden, Japan, in den
USA und den GUS, trat das Phänomen auf, doch England blieb der absolute
Spitzenreiter. Allein im Sommer 1996 wurden über 400 Formationen wie von
Geisterhand auf die südenglischen Felder gezaubert. Und jeder «cropcircle»
blieb ein Unikat.
Nachtaktive Menschen, die Hand anlegen, oder ein mysteriöser Himmelsgruss?
Die Kornbilder regen seit über 25 Jahren die Fantasie an und sind kompatibel
mit esoterischen und vielen anderen Spekulationen. Für die einen sind sie
ärgerliche Nachtbubenstreiche, für die anderen noch nicht entschlüsselte
Botschaften einer unbekannten Intelligenz. Vielleicht ist eine verschwörte
Künstlergruppe am Werk, vielleicht legen elektromagnetische Erdstrahlen
von unten oder Satellitenlaser von oben die Halme flach. So oder so: Bei den
Kornkreismachern handelt es sich um Künstler - darüber sind sich Skeptiker
und Liebhaber einig.
Das 20-Minuten-Wunder
Das am 7. Juli 1996 entdeckte «Julia-Set» nahe dem prähistorischen
Kultort Stonehenge wurde von eingefleischten Kornkreisforschern als Höhepunkt
gefeiert. Vielleicht auch deshalb, weil es nicht wie die meisten Zeichen in
der Nacht entstanden war, sondern nachweislich am helllichten Tag: Noch am Sonntagmorgen
hatte Sandell sein Feld inspiziert und nichts Aussergewöhnliches festgestellt.
Wie der Farmer später der Presse berichtete, soll ein Pilot am Nachmittag
um etwa 17 Uhr über das noch unberührt daliegende Getreidemeer geflogen
sein. Als er nach 20 Minuten zurückflog, sah er die riesige Formation unter
sich im Feld liegen.
Wie hätten die betörten Kornkreisliebhaber ahnen sollen, dass sie
nur drei Wochen später eine Formation sehen würden, die alles Bisherige
in den Schatten stellen sollte? Das «Dreifache Julia-Set», das ins
Feld der Farmerfamilie Butler in Avebury gelegt wurde, ist und bleibt eine der
fantastischsten Figuren in der noch jungen Kornkreisgeschichte. Sein Ausmass
war gigantisch: Das ästhetische Meisterwerk wies 194 immer grösser
werdende einzelne Kreise auf, nahm eine Fläche von über sechs Hektaren
in Anspruch und war nur aus der Luftperspektive vollends fassbar.
Doch nicht nur mit ihrer Grösse überraschte diese Formation. Das Verblüffendste
war die Art und Weise, in der das Getreide niedergelegt worden war: Die Halme
waren weder geknickt noch gebrochen, sondern rund zehn Zentimeter über
dem Boden in die Waagrechte gebogen - abwechselnd im Uhrzeiger- und Gegenuhrzeigersinn.
Die liegenden Ähren des Kreises endeten in einem Bogen, ohne die stehenden
Gewächse zu touchieren, und sorgten so für die messerscharfe Kontur
der Figur. Der mysteriösen Biologie nicht genug: Bei Labortests stellte
sich heraus, dass die gebogenen Halme gegenüber den nichtgebogenen aus
demselben Feld eindeutige Veränderungen in der Zellstruktur aufwiesen.
Quadratur des Kornkreises
Für den Schweizer Kornkreisforscher Werner Anderhub ist klar, dass solch
detaillierte Präzision nicht von Menschenhand gefertigt werden kann. «Natürlich
gibt es zahlreiche Fälschungen, aber die sind bei Feldbetrachtungen sofort
zu erkennen.» Wer von «falschen» Kornkreisen spricht, muss
auch an «echte» glauben.
Wer oder was ist also Urheber dieser Kunstwerke? Anderhub zuckt die Schultern.
«Je mehr ich mich mit dem Phänomen beschäftige, umso komplexer
erscheint mir eine Erklärung.» Anderhub fühlt sich vom Kornkreisphänomen
magisch angezogen. Vor sechs Jahren hängte der Sekundarlehrer seinen Beruf
an den Nagel, um sich ganz seiner Passion zu widmen. Einst habe er mit der These
der Ausserirdischen geliebäugelt. Heute glaubt er, dass mehrere Ursachen
möglich sind: fremde Intelligenzen, kosmische Energiefelder oder die mentale,
unbewusste Ebene der Menschheit.
Bei seinen Feldforschungen vor Ort erlebt Anderhub immer wieder Unerklärliches:
Lichterscheinungen, Sirrgeräusche, und wie die meisten Kornkreisforscher
spürt er im Zentrum einer Figur oft körperliche Symptome wie Schwindel,
Herzrasen oder gesträubte Haare. Er war es, der den Kornkreis «Korb»
entdeckte - ein einzigartiges Flechtwerk, das den Beginn einer neuen Kornkreisära
darstellen könnte.
Viel mehr als für das Wie und Wer interessiert sich Anderhub für das
Warum. Er ist überzeugt, dass die Kornkreise Botschaften in geometrischer
Sprache enthalten. Anderhub glaubt, dass die Lektionen bald entschlüsselt
werden können - vielleicht noch von dieser Generation. Wäre das nicht
eine Entzauberung? «Möglich, aber wir würden in unserer menschlichen
Entwicklung einen riesigen Schritt vorwärts kommen und vielleicht entdecken,
dass die Realität weit fantastischer ist, als wir uns das vorstellen können.»
Buchtipp
· Werner Anderhub und Hans Peter Roth: «Das
Geheimnis der Kornkreise.»
Erscheint Ende Juni im AT-Verlag.
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Dieser Beitrag erscheint in Zusammenarbeit zwischen Beobachter und Fernsehen
DRS. Redaktionelle Verantwortung: Balz Hosang und Monika Zinnenlauf