Berner Zeitung STADT BERN (26.08.1999)

«Kornkreise bleiben rätselhaft»

Wie entstehen Kornkreise? Und warum? Sommer für Sommer spürt der Stadtberner Werner Anderhub in Südengland der rätselhaften Erscheinung nach. Sein Hobby hat er mittlerweile zum Beruf gemacht. *Hans Peter Roth
Weit lehnt Werner Anderhub aus dem Ultraleicht-Flugzeug. Der Zugwind treibt Tränen in die Augen. Unter ihm 300 Meter Luft - und die grösste Kornkreisformation des Jahres. Gut 6000 Quadratmeter Weizen sind zu einer perfekten geometrischen Figur niedergelegt. Werner Anderhub signalisiert dem Piloten, noch eine Runde über dem Piktogramm zu drehen. Der Passagier schiesst Bild um Bild, etwa 20 Aufnahmen. Die Formation im Getreide glänzt in der Sonne golden auf wie ein gigantisches Schmuckstück. Ein Stern mit 14 Ecken, abwechselnd mit einem grösseren oder kleineren Kreis an der Spitze. Selbst die niedergelegte Fläche des Getreidezeichens erzeugt durch die Art, wie sie gelegt ist, einen eigenartigen 3D-Effekt. Anderhub ist begeistert.
«Mich hat es gepackt»

Auf einen Wink des Passagiers steuert der Pilot das schlingernde Kleinstflugzeug zurück zum Flugfeld in der südenglischen Grafschaft Wiltshire. Jahr für Jahr taucht hier ein Grossteil der rätselhaften Kornkreis-Formationen auf, die Werner Anderhub seit fünf Jahren in ihren Bann ziehen. Allein diesen Sommer sind in Südengland bisher 138 Piktogramme entdeckt worden.
Anderhub lacht auf die Frage, warum er Sommer für Sommer in Südengland den Kornkreisen auf der Spur ist: «Entweder ist man angesprochen oder nicht. Mich hats gepackt. Es sind die offenen Fragen rund um dieses faszinierende Phänomen, die mich immer wieder nach Südengland ziehen.» Seine Neugier wurde 1993 geweckt, als er die ersten Luftaufnahmen sah. 1994 reiste er zum ersten Mal in die Grafschaft Wiltshire, wo auch so bekannte prähistorische Monumente wie Stonehenge liegen.
Ein Schlüsselerlebnis

Auf seiner ersten Reise in dieses Gebiet nur zwei Autostunden westlich von London habe er ein unauslöschliches Erlebnis gehabt, erzählt der Berner: «Ich näherte mich mit einem Freund in der Nacht einer Formation in einem Weizenfeld. Plötzlich machten wir über dem Piktogramm eine bläuliche Lichtwolke aus, welche ihre Form veränderte und sich über längere Zeit beobachten liess.»
Werner Anderhub ist froh, dass er in jener Augustnacht vor fünf Jahren mit einem Freund unterwegs war, der ihm bestätigte, dass er sich dies alles nicht eingebildet hatte. Denn er weiss, dass seine Beobachtung für viele unglaublich, ja unglaubwürdig klingt. Doch daraus macht er sich nichts: «Jeder darf seine eigene Überzeugung haben.» Auf seine Dia-Vorträge, die der 39-jährige seit 1996 zum Thema in der Schweiz und Deutschland veranstaltet, reagierten die meisten beeindruckt und positiv, meint er. Seit vier Jahren hat er seinen Beruf als Sekundarlehrer aufgegeben und widmet sich nur noch der Kornkreisforschung. Mit Berichten, Vorträgen, Reisen, Seminaren und Bildverkäufen kann der Familienvater das halbe Budget bestreiten. Die andere Hälfte erarbeitet seine Partnerin. Die Hausarbeit teilen sie sich hälftig auf. Nach den Luftaufnahmen folgt für Werner Anderhub und einen deutschen Kollegen die Arbeit am Boden, in der Formation: Vermessen, aufspüren und festhalten von besonderen Merkmalen im niedergelegten Getreide. Der Stadtberner will die vergänglichen Piktogramme, die nun der Ernte zum Opfer fallen, für alle Interessierten möglichst genau dokumentieren. Rund ein Dutzend Formationen hat er selbst entdeckt.
«Nicht menschgemacht»

Anderhub ist überzeugt, dass viele der teils hochkomplexen geometrischen Figuren, die laut ihm meist in der Nacht, «innerhalb von kürzester Zeit» entstehen, nicht von Menschenhand gemacht sind. Darauf wiesen auch amerikanische Untersuchungen hin. «Ich will mich aber auf keine These festlegen. Das Phänomen bleibt für mich rätselhaft», schränkt der Kornkreisforscher ein. Wichtiger als das Wie sei für ihn das Warum. Warum die Figuren da seien und was sie den Menschen sagen wollten. Eine Frage, die Werner Anderhub so sehr beschäftigt, dass er wohl auch nächstes Jahr wieder in Südengland sein wird.*