Die Weltwoche, 6. Juli 2000
im Teil:" Leben heute: Reisen"

Zeichen oder Zauber?

Von Daniel B. Peterlunger ----------------------------------------- Fotos Thomas Peterlunger

Die südenglischen Kornkreise ziehen immer mehr Besucher an. Bis der Mähdrescher drübergeht.

In der englischen Graftschaft Wiltshire liegen nicht nur die Kultanlagen Stonehenge, Avebury und andere historische Highlights, sondern auch mysteriöse Attraktionen, von denen nicht bekannt ist, wann und wo sie jeweils genau zu besichtigen sind. Nur eins ist sicher - Ende Sommer werden sie verschwunden sein. „Scheisshitze“, grummelt Peter Soerensen aus den USA und macht sich auf den schweisstreibenden Weg, der auf den „Walker‘s Hill“ in Südengland führt. Oben angekommen leuchtet eines seiner Augen auf - vor dem anderen trägt er ständig eine Videokamera. Er lächelt staunend, als er aufs Kornfeld unten in der Ebene schaut. Mitten im so genannten East Field glänzen im Morgenlicht streng geometrisch begrenzte Flächen von eigenartig flach gelegtem Korn. Ein starker Wind bewegt die stehenden Ähren. Wie Wasser wellt das Feld, in dessen Mitte unbeweglich ein wunderbar gestaltetes Zeichen ruht: Ein Kornkreis. Legenden und Sagen aus der Zeit vor dem 16. Jahrhundert berichten von auffälligen Veränderungen in Feldern, die, das glaubten die Bauern zu wissen, nicht von Wind und Wild stammen konnten. Im 17. Jahrhundert erschien die erste bildliche Darstellung zum Thema: Der Teufel, in ungewohnter Rolle als „Landschaftskünstler“, sei für die Anomalien verantwortlich, wurde vermutet. 1860 beschrieb ein Deutscher einen Kornkreis mit den Worten „ ... wie von einer Schleife niedergedrückt.“ Andreas Müller aus Saarbrücken, der eine der weltgrössten Dokumentensammlungen über Kornkreise besitzt, ist fasziniert von der Tatsache, dass vor knapp zweihundert Jahren mit ähnlichen Worten wie heute ein Kornkreis charakterisiert wurde. 1930 erschien die erste Photografie eines Kornkreises in einem Reiseführer für Sussex, Südengland.

Objekt mit Verfallsdatum

1981 lenkte Pat Delgado, ein Kornkreisfreund der ersten Stunde, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Phänomen in den Feldern, und beschrieb es später zusammen mit Colin Andrews im Buch „Circular Evidence“. In den folgenden Jahren wuchs die Zahl der gemeldeten Kreise im Korn. Private Stellen sammelten Berichte aus 45 Ländern. Und es zeigte sich, dass in Südengland, eine Autostunde westlich von London, im Gebiet von Swindon, Bath und Salisbury, eine im internationalen Vergleich markante Häufung von Kornkreisen zu verzeichnen ist: Pro Saison über zweihundert Stück. Im Laufe der Jahre wurden die Bilder im Korn komplexer, die vergängliche Kunst entwickelte sich: Am Anfang dominierten geometrisch perfekte Kreise und Vielecke, dann Linenmuster und verschnörkelte Piktogramme, und ab 1997 graphisch komplizierte Fraktale von seltsamer Schönheit. Vom Einmeter-Minikreis bis zu dreihundert Meter grossen Werken mit 6'000 Quadratmeter Fläche reicht die Bandbreite der Kunstwerke in der Open-Air-Galerie. Heute sind Kornkreise touristische Objekte mit Sightseeing-Wert und Verfallsdatum: Ende August, Anfang September kommen die Mähdrescher. Manchmal sogar früher, denn nicht alle Bauern finden es toll, wenn sich Besucherströme in ihre Felder ergiessen. Zwei Pfund Eintritt verlangen vom Ernteausfall geschädigte Farmer und stellen Sammelbüchsen neben die „Tramlines“, die Traktorspuren, die den Kornkreis schneiden und als Anmarschroute dienen. In der Nähe des Walker’s Hill bei Alton Barnes liegt das „Barge Inn“, ein Pub, in dem jeden Sommer rege Betriebsamkeit herrscht. Das Pub liegt mitten im Kornkreisgebiet und hat sich zum Treffpunkt der Croppies, der Kornkreisfans, entwickelt. Hinter dem Haus campen Croppies und Touristen. Der Besitzer des Pubs hat den Markt erkannt und das Billiardzimmer mit dem Blackboard in einen Nachrichtenraum und ein Nervenzentrum der Croppies verwandelt. Jede neue Sichtung im Umkreis von hundert Kilometern wird, sobald sie vermessen, benannt und auf Papier gebracht, hier publiziert. Die neue Formation wird übers Internet verbreitet, von den Fans aufgesucht, untersucht, diskutiert, kritisiert, mit dem Ultra-Light überflogen, als Fälschung verworfen oder entrückt bestaunt. Kornkreise können von Menschenhand geschaffen werden. Es lässt sich richten, ohne Abdrücke von Geräten, Stelzen und Leitern, und ohne Fussspuren im Feld zu hinterlassen. Manchmal wird das Vorgehen öffentlich demonstriert und manchmal nicht. Dann findet es im Geheimen statt und das Ergebnis wartet auf die Entdeckung durch die Croppies. Mit Nachtsichtgeräten und Videokameras schlagen sie sich die Nacht um die Ohren, in der Hoffnung die Entstehung einer Formation dokumentieren zu können. Andere stehen um vier morgens Uhr auf, patrouillieren durchs Gelände, um als erste einen jungfräulichen Kreis zu betreten und zu untersuchen.

Fälscher unterwegs

Die „Hoaxer“, Fälscherteams, wie sie in England genannt werden, liefern teilweise primitiven Murks, einige schaffen aber präzise Muster: Schnell kreiert und auf den ersten Blick so gut gemacht, dass ahnungslose Touristen auf der Suche nach dem spirituellen Kick sich im Kornkreis meditierend sofort in „hyperdimensionale Räume“ begeben, wie sie danach begeistert berichten. Doch wer „Fälschung“ denkt, sagt auch, dass ein Original existiert, etwas Echtes - aber bis zur Stunde noch nicht Erklärtes. Noch vor sieben Jahren genügte ein kleines Set von Argumenten - Anordnung und ungewohnte Lage der Halme, geometrische Präzision der Formation - um vorschnell die menschliche Hand hinter dem Werk auszuschliessen: Unbekannter Künstler, unbekannte Kraft, jedenfalls kein Mensch. So urteilten die Croppies. Heute ist es nicht mehr so einfach. Neue Bewertungskriterien kamen hinzu, es wird geforscht: Altgediente Kornkreisforscher finden mit detektivischem Spürsinn die Details, die den Menschen als Urheber verraten.

Theorien und Träume

Die Rockefeller Foundation sponsert ernsthafte Croppies. Universitäten und private Labors wie das BLT- Research Team in den Vereinigten Staaten untersuchen Proben aus den Feldern. Untersuchungen des Biophysikers Levengood vom BLT-Team zeigen, dass beispielsweise das Wachstumsverhalten der Pflanzen im Kornkreis - Verdickung der Halmknoten, teilweise bis zum Aufplatzen -, und die Vergrösserung der Zellwandtüpfel, eine Art Poren der Zellmembranen, bei nachweisbar von Menschenhand geschaffenen Kreisen nicht auftritt. Und das Keimverhalten der Samen in „menschlichen“ Kornkreisen ist normal - anders als bei Formationen, bei denen nicht bekannt ist, wie sie entstanden sind. Der Süden Englands war schon immer eine Region, wo sich Eigenartiges mit Mysteriösem zu einer magischen Mischung verband. Zauberer Merlin soll hier gewirkt haben. Der Steinkreis von Stonehenge und andere prähistorische Monumente sind noch nicht vollständig entschlüsselt. Chalice Well, der Brunnen bei Glastonbury, ist ein besonderer Ort. Hierher soll der heilige Gral, Jesus‘ letzter Becher, von Joseph hingebracht worden sein. In dieser Landschaft, wo von Hecken gesäumte Strässchen die sanften Hügel überziehen und schöne alte Steinhäuser am Wegesrand mit Bed und Breakfast auf Gäste warten, gedeihen die merkwürdigsten Kornkreis-Entstehungstheorien: Ufologen meinen, weil fliegende „Feuerbälle“, nicht identifizierte Kugeln aus Licht, über den Feldern gesehen worden seien, es bestehe ein Zusammenhang mit Ufos. Eine andere Theorie besagt, dass der Erdmagnetismus verantwortlich sei, und der Meteorologe Dr. Terence Meaden entwickelte die „Plasma-Vortex-Theorie“, die von elektrostatischen Wirbeln ausgeht. Dieser Ansatz, der wissenschaftlich gut klingt, gerät aber in Erklärungsnotstand, wenn es um komplexe Formationen mit unterschiedlichsten geometrischen Elementen geht. Die Verfechter der „Gaia-Theorie“, die die Erde als Lebewesen beschreibt, interpretieren die Kornzeichen als Ausdruck des Unmuts über den Umgang der Menschheit mit der Erde. Bloss dürfte man, angesichts des umweltschädigenden Verhaltens der Menschen, eher Stirnrunzeln auf der Scholle statt unverständliche Symbole erwarten. Das Phänomen ist entzieht sich allen Erklärungsversuchen. Besichtigen kann man die Rätselgalerie in den Feldern von England - die ersten Kornkreise 2000 sind schon da.

Info Kasten Anreise:

Ab London: Bus oder Zug bis Swindon, mit Bus nach Marlborough, dann Bus nach Alton Barnes. Oder Zug über Reading, Newsbury, Pewsey, dann Taxi. Übernachten: Unterkünfte in Marlborough und Woodborough, Campingplatz beim „Barge Inn“ in Alton Barnes. Tipps: Automiete ab Airport Heathrow, Fahrradmiete in Marlborough, Ultra-Light-Miete mit Pilot in Clench Common Airfield, GS Aviation, Nähe Marlborough,Tel. +44-1672-515 535 Buch: Werner Anderhub und Hans Peter Roth: Das Geheimnis der Kornkreise, AT-Verlag.

Daniel B.Peterlunger